Das Wort zum Sonntag und zur Eröffnung der Bau- und Reparatursaison

13.09.2022

Es ist soweit. Der Hochsommer 2022 ist vorbei. Acht Monate sind nun seit Beginn des Jahres, und damit seit meinen letzten Berichten, vergangen (Abgesehen von einem kürzlichen Ausreisser). Was ist seither passiert?

Beim Versuch des gedanklichen Rückblicks auf diese acht Monate kommt mir als erstes in den Sinn, wie gleich zu Beginn des Jahres die super ansteckende, aber deutlich entschärfte, Omikron-Variante von SARS-COV-2 ziemlich alle in der Schweiz flächendeckend «geimpft» hat. Sie hat damit «zum Glück» den letzten Puzzlestein für eine mindestens zeitweilige Entspannung der Corona-Situation geliefert. Während eine Pandemie – bei aller Tragik – «passieren kann», sind in den folgenden Monaten noch dunklere Schatten über unsere Zukunft gezogen. Schatten, geworfen von uns Menschen…

Man verzeihe mir die Niederschrift der an dieser Stelle auf den ersten Blick themenfremden Gedanken, bevor ich mich dem deutlich erquickenderen Modellflug widme. Aber irgendwie beschäftigt mich das mindestens so sehr. Und schliesslich bin ich ja meine eigene Redaktion und darum darf ich das. Wer keinen Bock darauf hat, kann ja weitersurfen oder nach unten skippen.

Das Wort um Sonntag und zur Lage der Nation1

1 Frei nach Tobias’ Tagebuch «Mutter, Vater, Schwester und ich» (ISBN 3-7286-0051-2)

Da ist zum einen der russische Überfall auf die Ukraine. Nach dreissig Jahren ohne weltbestimmenden Block-Konflikt zwischen Ost und West wurde die schöne Hoffnung jäh zerschlagen. Russland hat im Februar in Europa einen Krieg vom Zaun gebrochen. Was sich lange abgezeichnet, keiner wirklich zu glauben wagte, ist nun doch eingetreten. Gestorben sind die, welche den Gräuel erlebt haben und wissen wie schrecklich Krieg ist. Zu schwach sind inzwischen jene Stimmen, welche noch aus ihrer Erfahrung vor nationalistisch-populistischer Rhetorik warnen können. Putin, Erdowan, Orban, Trump, Bolsonaro sind an die Schalthebel gelangt, aber auch kleine Eiferer wie Weidel, Höcke, Köpel sind längst Salonfähig geworden und finden seit einer Hand voll Jahren fruchtbaren Boden für die Verbreitung ihrer Ideologie der Missgunst und Verachtung. Sie betreiben mehr oder  weniger offen die Perversion des Anstandes für ihr Konzept namens Nationalismus, welches nur einem dient: Der Sicherung der Macht ihres Zirkels indem sie ihre Anhänger prostituierten und sie zusammen mit ihren Feinden für ihren eigenen Vorteil opfern. «Frau» und «Mann» denkt dabei «Quer» anstatt scharf. Und all zu viele sind davon betroffen und machen mit.

Martin Perscheid (A3971)

Zum anderen ist da dieser Sommer. Ein Sommer während dem dem ich mir überlegt habe, in Zukunft keine Sommerferien mehr zu machen, sondern stattdessen lieber im gekühlten Büro zu arbeiten. Wochenlang ist kein Regen gefallen. Eine Dürre in ganz Europa hat zur Folge, dass die Ernte in der Po-Ebene zu grossen Teilen vertrocknet. Flüsse sind oder waren unschiffbar. Es gibt Massensterben der Tiere in den Gewässern – nicht nur in der Oder. Gerade  stellen wir Gletscherschwund fest, dessen Ausmass sich Forschende in ihren kühnsten Vorhersagen nicht ausgemalt haben. Dieses Jahr sind erneut bereits wieder neue Wetter- und Klimarekorde gefallen. Und nach wie vor scheinen grosse Teile der Menschen das Unglück im wesentlichen nicht wahr haben, oder ihren Kindern als «besonderes Geschenk» hinterlassen zu wollen. Irgendwie finde ich es gleichzeitig zynisch, traurig, und alarmierend, dass ich mich zuweilen ertappe erleichtert zu sein, keine solchen zu haben.

Und wenn wir schon dabei sind: Ist es eigentlich auch zynisch, auf einer Modellflugseite solche Gedanken zu wälzen? Vielleicht. Muss ich mir überlegen. Ich tröste mich jetzt mal damit, das es immerhin kein Reiseblog ist und widme mich nun doch endlich dem Thema, über welches ich hier eigentlich schreiben will. Nämlich der…

…Eröffnung der Bau- und Reparatursaison

Nachdem ich im letzten Winter anderweitig beschäftigt war und viele Baustellen offen lassen musste, habe ich diesen Frühling und Sommer ein bisschen für dieses Versäumnis gebüsst.  Meine LS6 habe ich  erst im Juni in Abend- und Nachtschichten fertig gestellt und bin leider bis heute nicht dazu gekommen, diesen Traumkahn endlich einzufliegen.

In der kommenden Bausaison will ich das besser machen. Und weil dies hier auch mein Notizblog ist (Wortspiel, höhö), und ich die Übersicht über meine Bau- und Revisionspipeline nicht verlieren will, notiere ich hier jetzt mal meine Reparatur-, Fertigstellungs- & Revisionsprojekte. Ich will zumindest versuchen diese abzuarbeiten, bevor ich neue Baustellen eröffne. Ich hätte nämlich wirklich Lust auf neue Holzarbeiten wie den Bau meiner F4D Skyray, der DH.108 Swallow oder auf mein neues Eigenbau-GFK-Jet-Projekt nach der P-80. Also, da wären in zufälliger Reihenfolge folgende Arbeiten offen:

Revision Baghira 🚧

In unserem Modellfliegerschnauzferientrip diesen Sommer (ja, darüber werde ich sicher wieder berichten) habe ich einmal mehr festgestellt, dass diese alte F3B Maschine zwar wirklich wunderbar fliegt, aber die Vernunft dem Spass Grenzen setzt. Vor allem die Wölbklappen sind einfach zu wenig spielfrei angelenkt und mehr als einmal konnte man das sonore Brummen flatternder Klappen vernehmen.

Da müssen die Servos und die Anlenkung ersetzt werden.

Der Tornado braucht endlich seinen Seglerrumpf

Ebenfalls während den Modellfliegerschnauzferientrip mit Topper wurde mir klar, dass ich endlich den seit langem bereitliegenden Seglerrumpf für meinen einzigen F3F Flieger ausbauen und in Betrieb nehmen sollte. Der Tornado ist nämlich ein wirklich gelungener Flieger und ab und zu wäre der schlanke Seglerrumpf zu den Flächen mit dem dicken Elektrorumpf eine gleichermassen bereichernde wie platzsparende Ergänzung der verfügbaren Modellvarianten im Büsslikofferraum.

Meine ASW-15 muss wiederhergestellt werden

Meinem Allround-Scale-Hangsegler war im Frühling 2021 leider nur ein kurzes Leben beschert. Darum habe ich hier nach dem Bau hier bis jetzt auch nie ein Fazit gezogen. Bei einem der ersten Flüge auf einem fremden Gelände habe ich im Landeanflug den obersten Spitz einer Tanne erwischt. Nach einem lauten Knall hat die Lady beide Flügel abgeworfen und sich senkrecht in ein Bachbett gebohrt. Nach einer stündigen Suchaktion hatte ich zwar alle Teile wieder gefunden, bis auf das Flächenpaar mit einem grossen «Pferdebiss» war jedoch die Struktur nicht mehr zu verwenden. Ein neuer Rumpf steht parat und wartet auf die Transplantation der revidierten Innereien.

Die Ultraflash braucht Randbogenpflege 🚧

Nach hundert Flügen (wow, das sind doch über 13 Stunden reine Flugzeit…) habe ich mit meiner Ultraflash bei einer Landung einen Pfosten gestreift. Der schöne Schalenflügel hat nun ein Loch, welches gestopft werden muss und ein bisschen Farbe benötigt.

Restauration (m)einer Mudry CAP 231 ✅

Nachdem ich im letzten Sommer meinen klassischen Motorflugzeugpark für ungenügend ausgestattet befunden habe, begab ich mich auch die Suche einer Ergänzung. Eine CAP 231 mit rund zwei Metern Spannweite empfand ich als wünschenswert und bin schliesslich in Form einer rund 20 Jährigen Mudry CAP 231 von BZ Modellbau fündig geworden. Die Hülle, welche für 50 Franken in meinen Besitz wechselte, wurde ausgeweidet und wird aktuell neu befüllt. Sie wird als erstes meiner Reparatur & Revisionsprojekte 22/23 vom Stapel von der Werkbank laufen.

Und wenn das Ding gut fliegt, wird wo möglich mehr Zeit in eine Verjüngungs- und Verschönerungskur investiert.

Reparatur meines Schlöidis

In der düsteren Frühlingszeit 2021 habe ich bei einer Landung meinen sehr viel geflogenen PCM Fireworks 6.2 ramponiert: Die Rumpfnase ist abgebrochen. Ich habe sie zwar wieder angeklebt, aber da braucht es noch etwas Laminier- und Verputzarbeit, bis der Wurfgleiter wieder flügge ist.

Ahi

Der Ahi ist ebenfalls einer der Flieger, den ich in meiner Sammlung nicht missen möchte. Der Flugschaum kann zwar nicht gerade als günstig bezeichnet werden, aber der übermütige Flugspass damit ist wirklich ausgezeichnet. Diesen Sommer wurde er im Hahnenmoos von einem ungleich stabileren Kollegen von hinten angefallen und bedarf nun einer Flügelreparatur.

Die kleine Venom

Ja, und zu guter Letzt will ich mich meiner De Havilland Venom widmen. Sie befindet sich am Anfang der Zielgeraden. Der Ausbau ist gemacht und sobald die beiden Heckausleger angeklebt sind, kanns ans Finish gehen. Das würde nun wirklich endlich auch mal drin liegen!

Vom einen oder anderen Projekt gibts hier sicherlich auch bald wieder mal einen Bericht oder ein Update. Im Moment bin ich nach einem halben Dutzend Abenden langsam am Abschluss der Restauration meiner CAP. Ich bin sehr gespannt wie sie fliegt und ich hoffe, dass ich damit eine passende Alternative für die ruhigere Winter-Flugsaison im Hangar habe.

Disclaimer: Weitere Revisions & Reparaturprojekte für diesen Winter werde ich hier schamlos anfügen. Auch im Nachhinein.

Epilog

Nun, nachdem ich doch noch zum modellfliegerischen Teil gekommen bin, nehme ich nochmals Bezug zum Anfang dieses Beitrages. Ich will hier wirklich keinen philosophisch-politischen Weltretterblog auftun. Dieser Beitrag soll eine Ausnahme bleiben. Zum Schluss aber noch ein paar Gedanken, wieso ich es für einmal trotzdem getan habe.

Unser Leben, und damit auch unsere Hobbies, passiert immer im Kontext des Zeitgeschehens. Für 45 Millionen Menschen in der Ukraine hat sich der Lebensinhalt kürzlich komplett geändert: Überleben statt wohlergehen. Flucht statt Arbeiten. Helfen statt Hobby. Tod und Verstümmelung anstatt Party und Freizeit. Sogar wir, tausend Kilometer vom töten und den täglich neu entstehenden Ruinen entfernt, spüren die Veränderung. Viele Hersteller von Modellen, Zubehör und Zwischenfabrikaten sind in der Ukraine beheimatet. Der nie in Frage zu stellen geglaubte Zustrom an Waren versiegte für uns plötzlich. Und dieses mal nicht «nur» wegen Lockdowns und Lieferschwierigkeiten.

Der Luxus sich eine «Freizeitleidenschaft» in diesem Ausmass leisten zu können ist eine relativ junge Entwicklung. Für die meisten Bevölkerungsschichten wurde so etwas wie ein «Hobby» erst im 20. Jahrhundert möglich. Während wir uns dem üblicherweise nicht bewusst sind, führen uns solche Geschehnisse vor Augen, dass das Privileg ein Hobby betreiben zu können, nicht «gottgegeben», sondern eine Folge der überwiegend jüngeren Umstände ist, in denen wir leben: Genug zu Essen, Frieden, Wohlstand, und eine Intakte Umwelt. Diese Umstände haben wir Menschen als Bewohner dieses Planeten in der Hand. Was tun wir damit?

In diesem Sinne kann man diese themenfremden Ausschweifungen auch als einen kurzen zeitgeschichtlichen Beitrag mit den Gedanken zu den Umständen der Ausübung des Modellflugsportes eines Mittvierzigers im September des Jahres 2022 betrachten.

Oder man nennt es für einmal einfach einen Blogbeitrag mit Editorial. 😉

So fertig jetzt. Over and out – Mailman


LS6 im friedlichen, kühlen Hahnenmoos. Photo: Marcel Sturzenegger

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